Die Hamburger Slime waren neben Hass und Toxoplasma die vielleicht einflussreichste deutsche Punkband in den 80er- und frühen 90er-Jahren. Ihr roher und unverfälschter Sound, sowie ihre - zum Teil recht plakativen - Texte wurden zu Hymnen einer ganzen Generation nonkonformistischer Jugendlicher. Mit "Sich fügen heißt lügen" erscheint nach einer 18-jährigen Bandpause Slimes sechstes Album - und sie sind so wütend wie eh und je.
Slime redeten nie um den heißen Brei herum: "Deutschland muss sterben ( ...damit wir leben können)", "Bullenschweine" und "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" - alles Songtexte, die auch heute noch auf den abgewetzten Lederjacken der Punks zu lesen sind - sprechen eine nur allzu deutliche Sprache. Dass solche kontroversen Aussagen der Obrigkeit ein Dorn im Auge waren, ist nicht von der Hand zu weisen. So versuchte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften immer wieder, Slime und ihre Texte - oder gleich ihre ganzen Alben - auf den Index zu verbannen. Doch die Sittenwächter haben die Rechnung ohne das Bundesverfassungsgericht gemacht: Bis auf das Debütalbum wurde keine der Slime-Platten indiziert, und Karlsruhe attestierte der Band sogar einen künstlerischen Anspruch.
Nun also das Album "Sich fügen heißt lügen" und die Frage, warum sich Slime wieder zusammengetan haben? Die Antwort ist denkbar einfach: Sie haben immer noch etwas zu sagen! Die Wut über rechtsgerichtete Faschisten und das System an sich ist immer noch vorhanden. Aber die tendenzielle Grundaussage des neuen Slime-Albums ist vielmehr als Antwort auf die Wirtschaftskrise und die damit eng verknüpfte Schuld der Börsen und Banken zu begreifen. Nicht umsonst findet die "Occupy"-Bewegung weltweit eine riesengroße Zustimmung - und "Sich fügen heißt lügen" ist der ideale Soundtrack für deren Anhänger. Musikalisch hat sich nicht viel geändert und das ist auch gut so: Noch immer wüten Slime in alter Powerakkord-Punk-Manier über ihre Instrumente - nur besser und differenzierter produziert als noch vor der Jahrtausendwende.
Doch auch Slime sind reifer geworden und anstatt auf komplett eigene Texte zu setzen, greift man größtenteils auf das lyrische Werk des anarchistischen Dichters Erich Mühsam als Konzept zurück. Dass Mühsams Inhalte auch nach knapp 100 Jahren nichts an ihrer Aktualität eingebüßt haben, macht "Sich fügen heißt lügen" nur noch authentischer. Würde der 1934 in einem KZ verstorbene Publizist diese Vertonungen hören können, er hätte dem Quintett anerkennend auf die Schulter geklopft. Eines ist gewiss: Slime sind immer noch genauso wichtig, wie zu ihren Anfangszeiten. "Das ist die Seenot auf dem Narrenschiff / wo Gier und Habsucht am Ruder stehen / die Musik spielt auf zum Totentanz / wenn die Banker über Leichen gehen", heißt es in der Mühsam-Vertonung "Seenot". Wie wahr.
Ben Hiltrop
| Audio CD | |
|---|---|
| Bewertung | ausgezeichnet |
| CD-Titel | Sich fügen heißt lügen |
| Bandname/Interpret | Slime |
| Genre | Rock/Pop |
| Genre | Punk |
| Erhältlich ab | 15.06.2012 |
| Label | People Like You - Century Media |
| Vertrieb | EMI |
| Laufzeit | 46:11 |
| EAN Code | 5052146825424 |



