Musik / CD

Grasscut: UnearthEtwas vermessen

Nichts anderes als die Vermessung des Königreichs streben Andrew Phillips und Marcus O'Dair alias Grasscut auf ihrem zweiten Album "Unearth" an. Ihre Mess-Instrumente, die sie an verschiedenen Orten in Großbritannien aufgestellt haben, heißen: Elektronik, Jazz, Dub, Samples, Loops und Songwriter-Gitarren. Die Auswertung der dort erhobenen Daten ergibt: ein introvertiertes, in Erinnerungen schwelgendes Album über ein verlorenes Dorf namens Balsdean, nahe Sussex.

Schon auf ihrem Debüt "1 Inch: 1/2 Mile" versuchten sie physikalisch belegte Maßeinheiten und kartografierte Landkarten mit all ihren Mythen und Erzählungen in emotional aufgeladene Songs zu transferieren. Ein spannendes und durchaus ambitioniertes Unterfangen - vor allem für ein Debüt -, das aber nicht durchweg funktionierte. Auf "Unearth" wird das Konzept weitergedacht und auf einen legendären, verlorenen Ort kanalisiert, der sich aus Erinnerungen an zehn verschiedene Orte im Vereinten Königreich speist.

So viel zur - zugegeben etwas fantastisch wirkenden - Theorie. In der Praxis kann "Unearth" mit noch so vielen literarisch (Philip Larkin, TS Eliot) und historisch (Agatha Christie) anspruchsvollen Bezügen zu den einzelnen Ortschaften auffahren, packend sind die Songs nur selten, sie spiegeln die pseudo-intellektuelle Note selbst gar nicht wieder. Was auch an den erschöpften Möglichkeiten des Genres liegt, in dem sich Grasscut bewegen.

Indietronic galt noch vor ein paar Jahren als experimentell und innovativ. Gerade bei "Unearth" merkt man allerdings, wie verkopft die Mischung aus Elektronik und Songwriter-Einflüssen nun daherkommt. Auf den Punkt gebracht: Das Gebiet, das Grasscut vermessen, haben 2002 die Weilheimer von The Notwist mit "Neon Golden" schon komplett kartografiert und erschlossen. Selbst ein Robert Wyatt, die britische Psychedelic-Legende, der auf "Richardson Road" Piano spielt und singt, holt den Karren da nicht mehr aus dem Dreck. Der einzige Hoffnungsschimmer: die feinen Samples, die Phillips immer wieder einstreut. Besonders gelungen bei "We Fold Ourselves", wo er gegen Loops der britischen Opernsängerin Kathleen Ferrier aus den 50-Jahren ansingt. Für die kommenden Alben sollten sich Grasscut der Vermessung neuer musikalischer Orte widmen - ihre musikalische Heimat kennt man nun bis in den kleinsten Winkel.

Thomas Mehringer

Audio CD
Bewertungakzeptabel
CD-TitelUnearth
Bandname/InterpretGrasscut
GenreHouse/Techno
GenreElektro/Folk/Jazz
Erhältlich ab13.07.2012
LabelNinja Tune
VertriebRough Trade
Laufzeit44:20
EAN Code5021392737126
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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