Woran man die Größe eines Songs erkennt? Daran, dass man das Lied selbst in einer mittelmäßig gesungenen Karaoke-Version erkennt und es eine Gänsehaut erzeugt. Wie "More Than This" von Roxy Music, das von Bill Murray im Kultfilm "Lost In Translation" ganz eigen interpretiert wird. Und woran erkennt man die Größe einer Band? Daran, dass man sie vielleicht im ersten Moment musikalisch gar nicht erkennt, ihre Hits nicht zuordnen kann. Sänger Bryan Ferry und Co. dürfen - neben Pop-Chamäleon David Bowie - als experimentierfreudigste Künstler der 70er-Jahre gelten: Roxy Music waren Art und Pop, Glam- und Ambient-Rock, Funk und Disco, New Wave und New Romantics - manchmal sogar vieles gleichzeitig. Die Größe der Band offenbart sich nun - in aller Ausführlichkeit - im Boxset "The Complete Studio Recordings".
Alle acht Studioalben aus den Jahren 1972 bis 1982 in der Optik der Original-LP-Klappcover, dazu eine Doppel-CD mit "Singles, B-Sides And Alternative Mixes" enthält die schwarze Box. Letztere lässt ebenfalls die Größe der Band erkennen: Denn Roxy Music erlaubten es sich, einige ihrer besten Songs nie auf einem Album zu veröffentlichen - so wie etwa die grandiose Coverversion von John Lennons "Jealous Guy". Aber auch "Virginia Plain" (1972), die erste Single der Band, war nicht Teil ihres selbst betitelten Debüts, das bereits einige Monate zuvor erschienen war.
Der Song brachte das musikalische Konzept der Band aber zum (ersten Höhe-)Punkt: Klassische E-Gitarre und Piano treffen auf eine euphorisch flötende Oboe und ein windschiefes Saxofon. Der zickige Glamrock-Song erlaubt sich eine ausladende Synthesizer-Bridge von Klangtüftler Brian Eno, hat dafür keinen Refrain, den Bryan Ferry mit seiner manierierten Crooner-Stimme singen könnte - und ist dennoch einer der perfektesten Drei-Minuten-Popsongs aller Zeiten. "Virginia Plain" wurde zum Top-Five-Hit in Großbritannien.
Spätestens mit ihrem zweiten Album "For Your Pleasure" (1973) konnte man die Größe dieses Gesamtkunstwerks erkennen. Roxy Music legten großen Wert auf "look and feel": Um die Konzeption von Artwork (Ferrys damalige Freundin, Model Amanda Lear, als Lack-und-Leder-Braut), Fotos, Bühnenauftritten und Videos kümmerte sich Ex-Kunststudent und Pop-Dandy Bryan Ferry höchstpersönlich. Seinem (Songwriting-)Diktat wollte sich Brian Eno danach nicht mehr fügen, das experimentierwütige Sound-Genie verließ die Band nach dem zweiten Album.
Dass trotz seinem Abgang die Band nicht stehen blieb, zeigt ebenfalls die Größe der Band: Mit jedem weiteren Album erschlossen sich Roxy Music immer auch neues Terrain - jenseits bekannter Hit-Pfade. Auf "Stranded" (1973) erkundeten sie lässigen Funk ("Amazona") und Gospel ("Psalm"), "Country Life" (1974) machte seinem Namen mit dem Einsatz von Mundharmonika und twangenden Gitarren alle Ehre. "Siren" (1975) wies in Richtung Disco ("Love Is Drug") und Falsett-Soul ("Sentimental Fool").
Und nur zwischenzeitlich - mit "Manifesto" (1979) und "Flesh And Blood" (1980) - konnte man den von Bryan Ferry mit jedem Album mehr vorangetriebenen Richtungswechsel von der exzentrischen Rock- zur eleganten Popband vielleicht auch als Irrweg betrachten. Mit ihrem letzten Album "Avalon" (1982) schufen Roxy Music die ultimative Wegmarke in Sachen romantischer Synthie-Pop - Hits wie der Titeltrack und "More Than This" inklusive. Danach lösten sich Roxy Music auf ihrem (kommerziellen) Höhepunkt auf. Eben eine große Band.
Stefan Weber
| Audio CD | |
|---|---|
| Bewertung | ausgezeichnet |
| CD-Titel | The Complete Studio Recordings |
| Bandname/Interpret | Roxy Music |
| Genre | Oldies&Reissues |
| Genre | Rock/Pop |
| Erhältlich ab | 03.08.2012 |
| Label | Virgin |
| Vertrieb | EMI |
| Laufzeit | 450:00 |
| EAN Code | 5099944021726 |



