Musik / Backstage

Für immer nett

Paul McCartney feiert am 18. Juni seinen 70. Geburtstag

Er ist der nette Beatle. Ob er will oder nicht. Paul McCartney kämpfte immer gegen dieses klischeehafte Image an - und dennoch blieb dieses Bild an ihm hängen. Trotz melancholischer Hits wie "Yesterday" oder "Eleanor Rigby". Obwohl er es war, der die Beatles als erster verließ. Der eine lächerliche Privatfehde mit John Lennon führte, der gegen seine Ex-Bandkollegen vor Gericht zog. McCartney konnte über seinen Drogenkonsum sprechen, mit Cannabis im Gepäck verhaftet werden, von Ex-Ehefrau Heather Mills als bekiffter Tyrann dargestellt werden. Und auch die Tatsache, dass man sicher nicht mit Nettigkeit alleine zum reichsten Musiker aller Zeiten wird, brachte das Bild nicht ins Wanken. Paul McCartney, der am 18. Juni seinen 70. Geburtstag feiert, ist und bleibt für die Öffentlichkeit der "nette Beatle". Und das nicht völlig ohne Grund.

In Liverpool als Sohn eines Arbeiters und einer Krankenschwester geboren, kam McCartney aus einer klassischen Working-Class-Familie. Aus einfachen Verhältnissen, in denen Biografien fast immer vorgezeichnet sind: Man lernt fürs Leben, schuftet in einem Knochenjob, und erfreut sich nach 40 Jahren harter Arbeit am kleinen, selbst aufgebauten Familienglück. Und mit Einschränkungen lässt sich auch McCartneys Lebensgeschichte als Suche nach diesem traditionell-konservativen Idyll lesen. Es sind die von ihm hochgehaltenen Werte, die das Bild des netten Mister McCartney geprägt haben.

Fleiß, Bescheidenheit, Höflichkeit - der kleine Paul lernte diese Dinge von klein auf. "Mein Vater war ein besonders zuvorkommender Mensch", erinnerte sich McCartney in einem Interview. "Wenn wir einen Bus bestiegen, ermutigte er mich und meinen Bruder immer dazu, für ein alte Dame aufzustehen und ihr unseren Platz anzubieten. Ich wuchs so auf, dachte mir: Es ist nett, so etwas zu tun." Und vielleicht auch ein Zeichen von Respekt vor dem Alter.

Denn egal, wie absurd die Anfeindungen zwischen ihm und John Lennon später auch werden sollten: Zunächst sah der junge Paul zu diesem knapp eineinhalb Jahre älteren, extrovertierten Rebell auf, als sie am 6. Juli 1957 erstmals bei einem Gartenfest aufeinandertrafen. Später bei den Beatles waren beide als genialstes Songwriter-Team der Popgeschichte lange Zeit kaum auseinanderzudividieren, gingen beide zunächst in ihren öffentlichen Rollen auf: Lennon gab das Großmaul, durfte behaupten, dass die Beatles "größer als Gott" seien. McCartney hingegen musste sich um die gute Außendarstellung kümmern, Leute treffen, mit Medien sprechen, "weil es sonst niemand getan hätte".

Irgendeiner muss es ja machen. McCartneys Arbeitsethos ist legendär: Noch heute gönnt sich er sich kaum Pausen - noch nicht einmal, um bei Live-Shows etwas zu trinken: "Ich finde, du solltest dein Konzert zu Ende spielen, das ist dein Job. Danach kannst du meinetwegen Wasser trinken". Es ist sicher auch diese Strenge gegenüber sich selbst, die ihn nach dem Ende der Beatles oft leicht verzweifelt wirken ließ. Er fühlt sich allein verantwortlich, das Erbe der Beatles verwalten zu müssen: "Er akzeptiert diese Tatsache", erzählte ein ehemaliger Angestellter McCartneys, "Aber es ist auch hart für ihn. Er hat das Gefühl, dass alles, was er selbst getan hat, einfach nicht zählt."

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Auch als Hörer wird man diese Vermutung nicht los. Kaum eine Stilrichtung, die McCartney in seiner Solokarriere nicht eingeschlagen hätte. Sicher auch um zu zeigen, dass er es kann. Er war romantischer Hippie-Folk-Aussteiger ("Ram"), Synthie-Pop-Bastler ("McCartney II") und Bandleader (bei den Wings). Er liebte seine neu gewonnene Einsamkeit als Songwriter ("McCartney"), suchte später die Nähe von anderen Superstars ("Tug Of War" mit Stevie Wonder, Carl Perkins und Ringo Starr), komponierte klassische (zuletzt die Ballettmusik "Ocean's Kingsom") und elektronische Avantgarde-Musik (mit Produzent Youth als Duo The Fireman). Und landete immer dann die größsten Erfolge, wenn er nette, harmlos-harmonische Popmusik schrieb - wie bei den Beatles. Die sentimental schunkelnde Dudelsack-Ode an die schottische "Mull Of Kintyre" (1977) ist bis heute der vierterfolgreichste Single in der britischen Chartsgeschichte.

Aber egal, wie das Publikum und die Kritik seine teils verbissenen Versuche, sich an seiner Vergangenheit abzuarbeiten, auch aufnahmen: McCartney verspürt immer noch Freude darüber, wenn er seine Songs hört. "Ich war in London, und da kam gerade 'Dance Tonight' im Radio", erzählte er, "Und ich hätte fast die Fenster runtergekurbelt und diese Frau angeschrien: 'Hey! Das bin ich! Im Radio'. Ich widerstand, aber ich wollte es tun." Einfach nette kindliche Freude oder übertriebener Stolz eines Jungen, der es aus einfachsten Verhältnissen herausgeschafft hat?

"Er ist leidenschaftlich, wenn er an etwas glaubt", so lautet die vereinfachte Erklärung von Hunter Davies. Und der Beatles-Biograf hebt noch einen zweiten Charakterzug McCartneys hervor: "Er steht seiner Familie sehr nahe". Und genau dieses "nette" Bild gab und gibt McCartney auch in der Öffentlichkeit ab: In den 29 Jahren seiner Ehe mit Linda, seiner großen, romantischen Liebe, die 1998 an Brustkrebs starb. Als Familienoberhaupt, das stolz auf seine Kinder Mary (Fotografin), Stella (Modedesignerin) und James (Musiker) sein kann. Als später Vater, der inzwischen Tourneen und sonstige Arbeit zurückstellt, um seine heute achtjährige Tochter Beatrice zur Schule zu bringen.

Sogar die skandalträchtige Ehe mit Heather Mills, der Mutter seiner kleinen Tochter, kratzte nicht am Bild des harmoniesüchtigen Familienmenschen. Im Gegenteil: Viele Beobachter waren sich einig, dass McCartney sich eben Hals über Kopf verliebt habe, obwohl sie, das die Öffentlichkeit suchende Ex-Model, und er, der gerne zurückgezogen lebende, bescheidene Ex-Beatle nicht zueinander gepasst hätten. Und spätestens seit er sich im Oktober 2011 traute, die Geschäftsfrau Nancy Shevell zu heiraten, scheint das nette Idyll ohnehin wieder perfekt zu sein.

Aber auch das ist eben der "nette" Paul McCartney: Er will geliebt werden - im öffentlichen wie im Privatleben. Und gibt das auch fast unumwunden zu: "Die meisten Menschen wollen gemocht werden", sagte er in einem Interview 2007. "Ich sehne mich nicht danach. Aber ich ziehe es vor."

Stefan Weber

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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