Mit ihrem Siegersong "Euphoria" räumt die schwedische Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Loreen derzeit massiv ab: Die Single belegt in der zweiten Woche Platz eins in Deutschland - wie auch in vielen anderen europäischen Ländern. Ein Erfolg, den lange Zeit kein Eurovision-Gewinner mehr erreichte. Das liegt sicher an der Eingängigkeit ihres Trance-Pop-Songs, der an David-Guetta-Produktionen erinnert. Aber vielleicht auch daran, dass Loreen keine blutige Anfängerin, sondern schon seit mehreren Jahren im Musikgeschäft tätig ist: Bereits 2004 belegte sie Platz vier bei der schwedischen Version von "Deutschland sucht den Superstar", konnte mit Coversongs von Alicia Keys, The Police und Pink die Gunst der Zuschauer gewinnen. Ihre musikalischen Wurzeln sieht die 29-jährige Sängerin mit marokkanischen Wurzeln aber nicht in der Popmusik, wie sie im Interview erklärt. Und auch ihre - sogar philosophisch motivierten - Gedanken über Freiheit und Demokratie zeigen, dass Loreen alles andere als ein austauschbares Pop-Produkt sein will.
teleschau: Wie viel Zeit hatten Sie in den letzten Wochen für sich selbst?
Loreen: Ich hatte fast überhaupt keine Zeit für mich. Aber ich konnte letzte Nacht endlich mal durchschlafen (lacht).
teleschau: Nachdem der Dance-Produzent David Guetta die Angewohnheit hat, sich erfolgreiche junge Künstler für seine Songs zu schnappen: Hat er sich bereits bei Ihnen gemeldet?
Loreen: Nein, das hat er noch nicht (lacht). Aber es wäre doch super. Er ist ein super Kerl. Klar, warum nicht?
teleschau: Was sind denn Ihre musikalischen Vorbilder?
Loreen: Oh, ich liebe Lisa Gerrard. Sie hat eine kraftvolle und dunkle Stimmfärbung. Manchmal klingt sie eher wie ein Mann und dann wieder wie eine Frau. Gerrard wirkte beim Soundtrack zu Ridley Scotts "Gladiator" mit. Dann finde ich Björk richtig klasse, und auch Coldplay gehören auch zu meinen Favoriten.
teleschau: In welcher musikalischen Tradition sehen Sie sich persönlich?
Loreen: Ich denke, Musik kann eine unglaubliche Macht sein. Sowohl positiv als auch negativ. Man kann Leute mit dieser Art von Macht beeinflussen. Musik ist pure Energie, und ich versuche, diese Energie weiter voranzutreiben und nicht zu stagnieren. Und dabei hoffe ich auf das Beste.
teleschau: Gibt es in Ihrer Musik eine bestimmte Botschaft, die Sie mitteilen wollen?
Loreen: Ich lerne jeden Tag wieder etwas Neues, und ich inspiriere mich jedes Mal wieder aufs Neue und werde auch immer wieder durch äußere Einflüsse inspiriert. Ich möchte, so oft es nur möglich ist, mit anderen Menschen in Kontakt kommen und durch ihre Geschichten etwas lernen. Andererseits hoffe ich auch, dass ich durch meine Erfahrungen andere Leute inspirieren kann.
teleschau: In Ihrem Twitter-Account zitieren Sie den französischen Philosophen Voltaire mit den Worten "Der Mensch ist frei und alle Menschen sind gleich". Ist das Ihr Ansporn?
Loreen: Das ist auf jeden Fall sehr wichtig für mich. Uns wird andauernd gesagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Und je öfter man uns das sagt, desto eher glauben wir auch daran. Der Mensch ist einer Menge an Illusionen ausgesetzt. Wir glauben, dass wir immer zu einer bestimmten Zeit dies und jenes tun müssen und dass wir so aus diesem System nicht ausbrechen können. Deswegen liebe ich dieses Zitat so sehr. Es sagt mir, dass wir auch selbst entscheiden können und uns nicht unterjochen lassen müssen. Aber auch hier gilt: Freiheit kann nur derjenige annehmen, der es auch will.
teleschau: Sie waren die einzige Künstlerin beim Eurovision Song Contest, die sich öffentlich kritisch über das politische Regime in Aserbaidschan geäußert hat. Macht Sie das stolz? Oder sind Sie eher traurig darüber, dass sonst keiner seinen Mund aufgemacht hat?
Loreen: Auf eine gewisse Weise bin ich schon stolz drauf. Ich stehe für Veränderungen ein, und wenn ich ein Problem sehe, egal welcher Art, versuche ich das anzusprechen und auf meine Weise zu lösen. Was die anderen Sängerinnen und Sänger gemacht oder auch nicht gemacht haben, interessiert mich da nicht großartig weiter. Als Erstes muss man selbst stark und interessiert genug sein, um solchen Problemen mit offenen Augen zu begegnen. Für mich war meine Haltung völlig natürlich. Ich habe nicht weiter darüber nachgedacht, ich habe es einfach gesagt.
teleschau: Was kann man selbst tun, um sich nicht unterdrücken zu lassen?
Loreen: Der größte Fehler, den man machen kann, ist, dass man nicht über sich selbst bestimmt, sondern sein ganzes Leben in die Hände von anderen legt. Leider bleibt einem oft nichts anderes übrig. Was ich in Aserbaidschan versucht habe, war, den Leuten klar zu machen, sich nicht auf ihre politischen Führer zu verlassen. Die lösen keine Probleme für dich, nur du selbst kannst das erreichen. Verbrüdere dich mit deinem Volk, nicht mit einem einzigen Führer.
teleschau: Alle Macht dem Volke ...
Loreen: Ja, genau. Jeder Einzelne muss lernen, diese gemeinsame Macht für sich zu nutzen. Ich habe versucht, dort einen Dialog zu führen. Ich wollte, dass die Leute anfangen zu denken. Ich war nur eine einzelne Person und habe so viel Staub aufgewirbelt. Wenn sich aber jeder Einzelne zusammentun würde, könnte man die Augen nicht mehr verschließen und etwas verändern.
teleschau: Gibt es irgendeine Person, die Sie für eine Unterhaltung treffen wollen würden? Ganz egal, ob diese Person noch lebt oder bereits tot ist.
Loreen: Es gibt viele Personen, mit denen ich mich echt mal unterhalten möchte. Aber Jesus hätte ich wirklich gerne mal getroffen. Ich glaube, dass Jesus eine intelligente Persönlichkeit war. Er hat auf seine Weise versucht, Dinge zu erklären - gerade im Bezug auf die Problematik von politischen Führern. Er könnte mir noch viel beibringen. Ich bin überhaupt nicht religiös oder so etwas, aber ich glaube, dass Jesus ein echt cooler Typ war (lacht).
teleschau: Ihre Eltern stammen aus Marokko, Sie sind aber in Schweden geboren. Was ist an Ihnen typisch marokkanisch und was wiederum typisch schwedisch?
Loreen: Ich bin so ein Mischmasch aus beiden Kulturen und versuche, das Beste aus beiden Welten in mir aufzunehmen. Ich habe aber auch eine französische und eine spanische Seite. Eigentlich von allen Kulturen etwas. Ich bin ein Kind der ganzen Welt.
teleschau: Und des Fernsehens ... 2005 arbeiteten Sie auch mal als Moderatorin ...
Loreen: Ja, aber auch nur für zwei Monate. Das war echt langweilig (lacht). Ich wechselte dann schnell hinter die Kameras und versuchte mich dann sechs Jahre als TV-Produzentin. Es war gutes Geld. Ich lernte eine Menge über die Mechanismen des Show-Geschäfts, wie man mit Bildern und guten Geschichten bestimmte Emotionen hervorrufen kann.
teleschau: Bleiben wir beim Thema Emotionen: In einem TV-Interview zur Fußball-Europameisterschaft haben Sie gesagt, dass Sie mit Fußball nichts anfangen können.
Loreen: Mit Fußball ist das so eine Sache: Mich langweilt einerseits dieses ständige Hin- und Hergeschiebe des Balles ziemlich schnell. Aber andererseits macht es auch mir Spaß, sich mit Freunden gemeinsam ein Spiel anzusehen. Vor allem, wenn die eine Hälfte für Team A und die andere für Team B ist. Da kommt dann dieser Wettbewerbsgedanke in mir hoch. Aber ganz alleine schaue ich mir ein Spiel nicht an (lacht). Davon mal abgesehen habe ich momentan keine Zeit für mich alleine.
teleschau: Was werden Sie als Erstes machen, wenn der erste Rummel um Ihre Person sich gelegt hat und Sie mal ein paar Tage frei haben?
Loreen: Es gibt ein kleines Film-Team, das ganz hoch im Norden von Norwegen die Schmelze der Gletscher mit einer Kamera dokumentiert - das möchte ich begleiten. Durch die Auto-Abgase schmelzen die Gletscher rapide und der Wasserspiegel steigt unaufhörlich. Es ist eine Art Dokumentation für mehr Umweltschutz.
Ben Hiltrop





