Musik / Backstage

Der Wanderer

Hannes Wader feiert am 23. Juni seinen 70. Geburtstag

Es dauerte seine Zeit, bis Hannes Wader die Schuhe gefunden hatte, in die er passte. Bis dahin absolvierte er mit eher durchschnittlichem Erfolg die Schule, anschließend eine Lehre als Dekorateur in einem Schuhgeschäft. Drei Jahre seines Lebens vergingen, doch wirklich in diese bürgerliche Berufswelt passte er nicht. 1962 wurde er wegen "Unfähigkeit, Streitsucht und Musizierens während der Arbeitszeit" entlassen - und konnte seiner Berufung folgen: der Musik. Heute gilt Wader als einer der wichtigsten Liedermacher des Landes - am 23. Juni feiert er seinen 70. Geburtstag.

Von seinem späteren Ruhm mal abgesehen: Wader hatte schon in ganz jungen Jahren mehr erreicht als seine Eltern - wenn man so will: Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, die Mutter war Putzfrau, der Vater Landarbeiter. Und der junge Hannes? Man darf behaupten: Das Beste, was seine sechsjährige Schuh-Zeit nach der achtjährigen Schul-Zeit brachte, war die Musik: Wader lernte in jener Zeit Gitarre und Mandoline. Damals konnte der junge Mann, der am 23. Juni 1942 bei Bielefeld geboren wurde, freilich noch nicht ahnen, dass er einer der wichtigsten deutschen Liedermacher des Landes werden sollte - und der bis heute nicht müde wird, durch die Lande zu ziehen.

Vielleicht ist Hannes Wader auch deshalb bis heute so erfolgreich, weil er biegsam - nicht schmiegsam - im Kopf geblieben ist. Ihm genügte es nicht, als Protest-Liedermacher Ende der 60-er gegen Krieg und Kapitalismus zu wettern. Ihm genügte es nicht, dem Kommunismus zu huldigen, den er seit 1979 auch als Parteimitglied vertrat. Nein, Wader war immer auch Lebenskünstler und Romantiker zu gleich.

So verwundert es nicht, dass der Mann von 1973 bis 1998 in einer von ihm wieder hergerichteten Windmühle auf Nordfriesland lebte. Ebensowenig wie die Tatsache, dass er seit den 90-ern auch als Interpret von Eichendorff-Texten und Schubert-Liedern von sich reden macht. Denn zur romantischen Seele gehört ein Wesenszug ganz genuin: die Fähigkeit (und der Fluch), stets auf Wanderschaft, an keinem Ort wirklich heimisch zu sein. "Heute hier, morgen dort" heißt sein bekanntestes Lied. Was heute wahr ist, stimmt morgen schon nicht mehr. Und das ist keine Resignation, sondern tiefe Einsicht.

Die größte Aufmerksamkeit erreichte Hannes Wader allerdings nicht seiner Kunst wegen - sondern aufgrund seines politischen Engagements. Er hatte 1971 seine Hamburger Wohnung einer Hella Utesch untervermietet, die sich als NDR-Reporterin ausgegeben hatte. Utesch entpuppte sich als Gudrun Ensslin, eine der bekanntesten RAF-Terroristin der Republik. Die Rote Armee Fraktion richtete in Waders Wohnung ihr Hauptquartier ein und bastelte an Sprengstoffen herum. Folge: Wader wurde verhaftet - mitten während eines seiner Konzerte. Ein Ermittlungsverfahren wegen "Unterstützung einer kriminellen Vereinigung" folgte. Abhörung, Observation, Boykott durch die Medien. Es waren eben seine Liedermacher-Kollegen, die sich als Freunde entpuppten, sich solidarisierten - und Wader über die wohl dunkelste Zeit seines Lebens hinweghalfen.

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Zwei Wendepunkte im Leben des Wander-Waders sollten sich als entscheidend erweisen: Die Heirat mit Cordula Finck 1986, einer Psychologin, die ihm ein Jahr darauf den Sohn Johannes schenkte. Und das Wirken von Michail Gorbatschow, der Waders - nach eigenen Worten "felsenfeste" - Überzeugungen ins Wanken und schließlich zum Einsturz brachte. Auch wenn die sozialistische Überzeugung des Liedermachers blieb: Der Glaube an die Revolution war gebrochen. 1991 trat Wader aus der Deutschen Kommunistischen Partei aus. Vier Jahre später erblickte seine Tochter Dorothea Louise das Licht der Welt.

Inzwischen ist der Rebell, der mit seinem Debütalbum "Hannes Wader singt" (1969) mit Biss und Beharrlichkeit der Gesellschaft in Liedern wie "Frau Klotzke" oder "Strenge Gesellen" den ungeliebten Spiegel vorgehalten hatte, nicht nur Vater, sondern längst weise geworden. In den letzten zehn Jahren feierte er an der Seite von den Kollegen Konstantin Wecker und Reinhard Mey etliche Erfolge. Waders Lieder waren nicht milde, kündeten aber von einer Einsicht in das Leben, die Liebe und die Leidenschaft, die alles andere als resignativ ist.

Denn Wader ist nicht in erster Linie Sänger - jenseits von Politik, Possen und Personenkult. Singen und Zeichnen, sagt der Sänger, seien während der Schulzeit das Einzige gewesen, das er gekonnt habe. Und singen kann er. Wader, der scharfe Beobachter seiner Zeit, seiner Welt und vor allem des Wandels zeichnete aber auch genaue Gesellschaftsbilder. Dabei weiß er, was viel zu oft auch in der politischen Liedermacher-Szene vergessen wird: Stagnation ist Gift. Zur Politik muss auch immer Poesie kommen, damit das Werk einen Wert hat, das nicht nur heute und hier seinen Zweck erfüllt, sondern auch morgen dort.

Erst die Kunst, dann die Politik - Waders Kernbotschaft, seine Bedeutung für das deutsche Liedgut zeigt sich bis heute. Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag erscheint ein Tribute-Sampler, auf dem Künstler wie Philipp Poisel, Bosse, Johannes Strate, Anna Depenbusch und Glasperlenspiel seine Songs neu interpretieren. Sie huldigen dem Liedermacher, dem Komponisten und Texter, aber vor allem auch dem Menschen Hannes Wader.

Hannes Wader auf Deutschland-Tournee:

07.07., Rudolstadt, TFF

02.09., Kassel-Vellmar, Zelt "Sommer im Park"

30.09., Georgsmarienhütte, Kasino

01.10., Emmerthal, Kulturhalle

02.10., Bielefeld, Stadthalle

03.10., Aachen, Audimax

04.10., Dortmund, Konzerthaus

05.10., Neukirchen-Vluyn, Kulturhalle

06.10., Neuenhaus, Aula Schulzentrum

07.10., Hortens, Bürgerhaus

08.10., Oldenburg, Kulturetage

09.10., Gladbeck, Mathias-Jakobs-Stadthalle

10.10., Schweinfurt, Stadthalle

11.10., Buchen (Odenw.), Stadthalle

10.11., Hannover-Langenhagen, Theatersaal

11.11., Leipzig, Theaterfabrik

12.11., Dresden, Theater Wechselbad

13.11., Plauen, Malzhaus

14.11., Kirchheim/Teck, Stadthalle

15.11., Augsburg, Parktheater Göggingen

16.11., Friedrichshafen, Graf-Zeppelin-Haus

17.11., Mannheim, Capitol

18.11., Saarlouis, Theater am Ring

19.11., Bonn, Brückenforum

20.11., Fulda, Orangerie

Karl Brand

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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