Es klingt wie eine kleine Revolution in der deutschen Musikindustrie: Seit dem 1. Juni werden nicht nur die physischen Alben- und Single-Verkäufe in die Auflistung der offiziellen deutschen Charts mit einbezogen. Es fließen auch erstmalig automatisch Download-Only-Titel mit in die Wertung ein. Zuvor mussten sämtliche zum Download angebotenen Titel separat von den Download-Portal-Betreibern an "Media Control" entsendet werden. Welche Auswirkung das vor allem auf die Single-Charts hat, lässt sich anhand der Neueinsteiger in der ersten Woche nach Einführung erkennen: Insgesamt 16 neue Titel ermittelte "Media Control" aufgrund der neuen Auflistung - alles Download-Only-Songs.
Digitale Musikprodukte nehmen laut "Bundesverband Musikindustrie e.V.", der dem Dienstleister "Media Control" den Auftrag zur Erhebung der Charts erteilt, einen immer höheren Stellenwert in der Erfassung der Alben- und Song-Verkäufe ein. Viele Plattenfirmen bieten mittlerweile ihre Alben auch nur noch ausschließlich über Download-Portale an. Dass eine Neuregelung längst überfällig war, zeigt folgende Statistik: Laut Bundesverband sind in den vergangenen acht Jahren die Single-Verkäufe auf das Viereinhalbfache angestiegen. Die Anzahl der über die digitale Ladentheke gewanderten Songs stieg von 400.000 auf 1,8 Millionen. Pro Woche, wohlgemerkt.
Aber was bedeuten die neuen Chart-Regularien für Musiker, Plattenfirmen und auch für den Endverbraucher, sprich, den Hörer? Mehr Vielfalt an Genres in den Charts? Mehr unbekannte Newcomer und ein dynamischeres Chart-System, bei dem nicht nur eine Band oder ein Künstler wochenlang den Ton angibt? Dr. Florian Drücke, Geschäftsführer des "Bundesverband Musikindustrie e.V.", begrüßt die Neu-Ausrichtung und erhofft sich dadurch eine transparentere Erfassung des Musikgeschehens in Deutschland: "Viele Titel werden künftig früher in die Charts einsteigen und die Top 100 langsamer hochklettern, als das bislang der Fall war." Und Hans Schmucker, Pressesprecher von "Media Control", glaubt, dass die Neuerungen Charttrends besser widerspiegeln: "Nehmen wir als Beispiel nur die Fußball-EM: Viele Fans kaufen derzeit Fußballtitel wie 'Tage wie diese' von den Toten Hosen oder 'Endless Summer' von Oceana, und das zeigt sich auch in den hohen Chartplatzierungen."
Alles gut also? In der Theorie liest sich das alles ganz einfach und vor allem auch stimmig. In der Praxis wird es zum Teil unverständlich und schwierig. Denn natürlich werden zur Ermittlung der deutschen Top 100 in erster Linie die Verkaufszahlen eines einzelnen Titels gemessen. Doch hier ergibt sich schon ein erstes Problem: Von ein und demselben Titel kann es mehrere Verkaufs-Varianten geben - etwa verschiedene Single-Ausgaben und die neu mitberechneten Downloads. Die werden nicht gesondert gewertet, sondern als ein Produkt zusammen gefasst. Und dann werden die Titel auch nicht überall zum gleichen Preis angeboten, da jedes Geschäft und jeder Versandhandel seine eigene Preispolitik betreibt. Das bedeutet, dass zur eigentlichen Erhebung auch noch der erzielte Verkaufspreis mit in die Charts einfließt. Jeder Händler übermittelt die Daten der verkauften Tonträger an "Media Control". Verkaufsmenge und Preis werden dann miteinander multipliziert und am Ende jeder Woche zu einem Wochen-Verkaufswert zusammengefasst.
Aber die Rechenaufgabe geht noch weiter: Es wird zudem zwischen großen und kleinen Einzelhändlern, Download-Portalen und Versandhändlern unterschieden. Möglich macht das ein internes Rechenverfahren, das die einzelnen Verkaufswerte unterschiedlich bewertet. Hans Schmucker erklärt: "Grundlage der Charts sind die drei Absatzwege stationärer Handel, E-Commerce und digitaler Download. Wer zusammengerechnet am meisten verkauft, landet am Ende auch an der Spitze. Um eine repräsentative Chart für Deutschland zu gewährleisten, müssen statistische Mittel eingesetzt werden, um ein ausgewogenes Verhältnis sicher zu stellen."
Das bedeutet im Klartext: Wenn ein Künstler sein Album für zehn Euro anbietet und davon 20.000 Einheiten absetzt, ein anderer Künstler im gleichen Zeitraum seine neue Platte aber für zwölf Euro in die Geschäfte stellt und vielleicht nur 18.000 mal verkauft, darf sich Letzterer über einen höheren Chart-Einstieg freuen.
Große Stars können sich einen höheren Preis für ihre Produkte erlauben - der Fan kauft es ja in jedem Fall. Wer darunter zu leiden hat, sind demnach Newcomer und kleinere Labels, die es sich nicht leisten können, mit den Preisen der Megaseller mitzuhalten. Aber auch die großen Musik-Labels zweifeln schon länger an diesem System. In einem Interview mit dem "Spiegel" beschwerte sich Edgar Berger, der ehemalige Deutschland-Chef von Sony Music, bereits 2009 über das Verfahren: "Die Charts kann keiner mehr verstehen. Ich fordere eine Entrümpelung und Neugestaltung. Sonst muss man sich die Sinnfrage stellen. Packt man ein T-Shirt dazu oder macht eine Sonder-Edition, erhöht das den Verkaufspreis und lässt die Platte im Ranking nach oben steigen. Es macht doch keinen Sinn, dass nicht die tatsächlich verkaufte Stückzahl interessiert, sondern der Preis entscheidend ist."
Dabei geht es auch anders: In den USA sind die Chart-Regularien weitaus transparenter. Die "Billboard Sales Charts" werden dort vom "Nielsen-SoundScan"-Institut ermittelt, das über 90 Prozent des US-Musikmarktes repräsentiert. Hier werden sämtliche verkaufte Musik-Einheiten erhoben, sei es im Einzelhandel, Versandhandel und Download-Portale. Dazu auch die CD-Verkäufe bei Konzerten und Verkäufe vom Künstler direkt an den Konsumenten - ohne einen dazwischen stehenden Vertriebspartner.
Natürlich bietet auch dieses System genug Lücken, um sich auf die obersten Plätze zu schmuggeln. Als aktuellstes Beispiel sei hier Madonna mit ihrer neuen Platte "MDNA" zu nennen, die durch einen simplen Trick auf Platz eins der Billboard-Charts einsteigen konnte: Jedem Online-Kartenkäufer für ihre US-Tour wurde ein gratis Download-Gutschein für ihr Album beigelegt. 359.000 Einheiten konnte Madonna in der ersten Woche absetzen. Ohne den "Trick" fielen die Verkaufszahlen in der zweiten Woche rapide in den Keller - ein Minus von bis zu 88 Prozent. Das Beispiel zeigt, dass in den USA sehr wohl mit "beschönigenden" Mitteln um die Gunst des ersten Platzes gekämpft wird. Dennoch werden hier sofort die absoluten Zahlen der Alben-Verkäufe erkenntlich und für jeden einsehbar gemacht.
Es profitieren vor allem die großen Künstler, auch wenn sie vielleicht weniger Tonträger verkauft haben als ein aufstrebender Newcomer. Was wäre also die Lösung für das Dilemma? Vielleicht die Rangliste einfach ignorieren? Dafür plädiert Tim Renner, Ex-Universal-Chef, der im "Spiegel" feststellte, dass die Charts heute völlig irrelevant seien: "Die Musikindustrie rennt einem Mechanismus hinterher, der dem Markt nicht mehr entspricht." Die Charts abschaffen? Das wäre eine echte Revolution.
Ben Hiltrop




