Musik / Backstage

"Am Ende zählt nur die Schönheit"

Der britische Retro-Star Rumer veröffentlich sein zweites Album "Boys Don't Cry"

Die Orientierung am Gestern spielte immer eine wichtige Rolle im Pop - vor allem, so scheint es, in den letzten zehn bis 15 Jahren. Retro-Sängerinnen wie Amy Winehouse, Duffy oder Adele feierten Erfolge, doch niemand spielt das Spiel mit der Vergangenheit so perfekt wie die 33-jährige Rumer. Ihr Debüt "Seasons Of My Soul" erreichte Ende 2010 überraschend Platz drei der britischen Albumcharts. Auch in Deutschland wurde die Sängerin mit pakistanischen Wurzeln bald zum Geheimtipp für Menschen, die sich wünschen, Platten sollten so klingen, wie in den Jahren 1970 bis 1978. Genau diese Zeit beleuchtet Rumer nun auf ihrem Zweitwerk "Boys Don't Cry" - ein Coveralbum mit Songs männlicher Songwriter-Größen.

teleschau: Alle Songs auf "Boys Don't Cry" wurden zwischen 1970 und 1978 geschrieben - die beste Zeit in der Popgeschichte?

Rumer: Ja, ich denke schon. Die 70-er waren das Jahrzehnt der Songwriter. Damals stand der Singer/Songwriter im Zentrum der Wahrnehmung eines breiten Publikums. Allein deshalb ist das für mich eine goldene Zeit.

teleschau: Waren die Songwriter damals besser als die von heute?

Rumer: Man kann es nicht vergleichen. Die Art, wie Songs entstehen, hat sich verändert. Heute macht man eher "Tracks". Das hat mit der Entwicklung der Technik zu tun. Es herrschte aber auch ein anderer Geist in den 70-ern. Ein Geist des Aufbruchs und Übergangs. Der Geist der späten 60-er. In der Musik führte er dazu, dass jeder selbstbewusst sein eigenes Ding machen wollte. Insofern empfinde ich diese Zeit im Pop tatsächlich als die Spannendste.

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teleschau: Auf "Boys Don't Cry" singen Sie Coverversionen von Stücken männlicher Songwriter. Wie und wann ist dieses Konzept entstanden?

Rumer: Ich trage diese Idee schon lange mit mir herum - seit ich 19 oder 20 bin. Damals spielte ich den Song "Fisherman's Blues" von den Waterboys. Ich sang: "I wish I was a fisherman" und dachte, wie schön es wäre, ein ganzes Album mit Männer-Themen aufzunehmen.

teleschau: Wenn man als Frau in diese Männerwelten eintaucht - lernt man durch das Interpretieren der Songs etwas über die männliche Seele?

Rumer: Ja, durchaus. Männer, die sich offensichtlich schrecklich verhalten, tun dies meistens, weil sie eigentlich feige sind. Böse Männer sind oft gar nicht böse, sondern verzweifelt vor Angst.

teleschau: Können Sie das anhand eines Beispiels erklären?

Rumer: Frauen beschweren sich oft über Männer, weil sie sich nicht richtig auf etwas einlassen. Auf eine Beziehung, eine Familie, ein gemeinsames Projekt. Auf einmal erscheint der Mann als Bastard. Zum Beispiel, indem er einfach abhaut. Diese Art, sich Problemen zu entziehen, wurde in den 70-ern gesellschaftlich noch mehr toleriert. Insofern sind auch die Songs von Männern dieser Zeit interessant.

teleschau: Haben Sie beim Singen der Lieder eine männliche Perspektive eingenommen?

Rumer: Nein, ich singe diese Lieder ganz normal als Frau. Dennoch verändert sich der Ausdruck. Allein deshalb, weil diese Männer-Texte emotionaler wirken, wenn sie von einer Frau gesungen werden.

teleschau: Faszinieren Sie männliche Songwriter mehr als weibliche?

Rumer: Nein, ich bin ein großer Fan weiblicher Songwriter. Ich liebe Frauen wie Joni Mitchell, Laura Nyro oder Judee Sill. Deren Material wäre jedoch gedanklich keine so große Herausforderung für mich. Schauen Sie sich dagegen den Todd-Rundgren-Song "Be Nice To Me" an, den ich auf dem Album singe. Da sagt ein Mann seiner Geliebten: "Leg dich hin, frag mich nichts, erwarte nichts - sei einfach nett zu mir, es ist schon so lange her." Eine Frau würde niemals so etwas sagen. Indem ich diese Lieder singe, versuche ich, in die männliche Psyche hineinzukriechen.

teleschau: Einige Songs des Albums suchten Sie aus, weil Sie sich mit der Verarbeitung von Prominenz und Ruhm beschäftigen. Sie wirken sehr zurückhaltend - wie kamen Sie persönlich damit klar, plötzlich so erfolgreich zu sein?

Rumer: Zunächst mal: es stimmt. Es gibt einige Lieder auf diesem Album, die sich mit diesem Thema beschäftigen. "Andre Johray" von Tim Hardin, "A Man Needs A Maid" von Neil Young, "Travelin' Boy" von Paul Williams, "Be Nice To Me" von Todd Rundgren. Ich habe kein Problem damit, dass mich jeder kennt. Ich empfinde eher die Folgen dieses Umstands als schwierig. Die Tatsache, dass man so oft von Zuhause weg ist. Dass man ausgestellt wird, was einen ziemlich verletzlich macht. Außerdem habe ich Bühnenangst. Auch dass mich Männer verlassen haben, weil sie mit dem Ruhm nicht umgehen konnten - das macht es schwierig. Einsamkeit ist schwierig.

teleschau: Beide Alben, die Sie bis jetzt veröffentlicht haben, klingen, als wären sie in den 70-ern aufgenommen worden. Ist Ihr künstlerisches Ziel die perfekte Illusion? Musik von heute, die bis ins Detail so klingt wie vor 40 Jahren ...

Rumer: Ich möchte nicht "retro" sein. Aber ich mag bestimmte Schwingungen, Gefühle und Sounds. Das, was ich mag, wurde in den 70-ern einfach am besten transportiert. Ich weiß nicht, in den 80-ern ist dann irgendwas schief gelaufen.

teleschau: Sogar Ihre Album-Covers und die Fotos sehen aus, als wären sie aus den 70-ern ...

Rumer: Ja, ich gebe zu, dass ich ein Fan dieser Zeit bin. Aber ich plane, meinen Sound etwas zu verändern. Er wird sicher nicht zu modern werden - aber mein nächstes Album wird auf jeden Fall anders klingen. Zum Beispiel werden die Songs schneller sein.

teleschau: Hören Sie überhaupt Musik von heute?

Rumer: Nein - alles, was ich gerne höre, ist alt. Ach halt, ich mag das Album von John Grant. Aber sonst nichts.

teleschau: Der britische Autor Simon Reynolds vertritt in seinem Buch "Retromania - Pop Culture's Addiction To It's Own Past" die These, dass seit dem Jahr 2000 im Pop ausschließlich recycelt wird und nichts Neues mehr passiert. Was sagen Sie dazu?

Rumer: Es ist eine Frage des Geschmacks. Nehmen sie die Architektur. Ist ein modernes Gebäude genauso schön wie eines, das 500 Jahre alt ist? Die Menschen werden sich niemals einigen können, wenn es um Fragen wie diese geht. Ich bin der Meinung, dass alte Dinge niemals ihren Charme verlieren, nur weil sie alt sind. In der Architektur kann man alte und neue Dinge sehr elegant verbinden - und wird dafür gefeiert. Warum sollte das in der Musik anders sein? Ich finde es wichtig, dass ich auf Traditionen aufbaue. Traditionelle Musik, traditionelles Songwriting. Viele Leute reden davon, dass sie ein traditionelles Leben führen wollen. Nur in der Musik, im Pop, soll das Alte verpönt sein? Das verstehe ich nicht.

teleschau: Ist das nicht generell eine große Diskussion in der Kunst - die Frage, ob es überhaupt noch neue Dinge gibt oder ob alles Geschaffene eine Kombination aus bereits Vorhandenem ist?

Rumer: Diese Frage finde ich gar nicht so spannend. Ich bin interessiert an Schönheit. Wenn das Neue nicht schön ist, langweilt es mich. Schönheit erfasst die Menschen, ohne dass sie darüber nachdenken müssen. Ich meine, schauen Sie sich lieber Damien Hirsts geteilte Kühe in Formaldehyd an oder ein Bild von Claude Monet? Moderne Kunst mag ihren Platz haben, sie ist vielleicht sogar wichtig, wenn sie die Grenzen verschiebt - aber am Ende zählt für mich nur die Schönheit.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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