Musik / Backstage

Vom Finden der Ekstase

Antony & The Johnsons veröffentlichen "Cut The World"

Er ist übergewichtig, trägt Damenfrisur zur Handtasche und war vor zehn Jahren noch ein unbekannter Künstler der New Yorker Transgender-Szene. Nach einigen weltweit gefeierten Alben wurde Antony Hegarty mit seinem Projekt Antony & The Johnsons jedoch zum Feuilleton-Liebling und zur weltweiten Ikone eines kunstorientierten Popbetriebs. "Cut The World", das neue Album des mit zehn Jahren in die USA ausgewanderten Briten, enthält nun Orchesterfassungen älterer Titel, die der 1971 geborene Ausnahmesänger bereits früher in Kammerpop-Versionen vertont hatte. Ein Gespräch über die Suche nach Ekstase im menschlichen Gesang und die Hoffnung, das Frauen vielleicht doch noch unsere Welt retten könnten.

teleschau: Ist es ein großer Unterschied für Sie, ob Sie einen Song im kleinen Arrangement oder mit einem Orchester spielen?

Antony Hegarty: Der Unterschied ist in etwa der zwischen dem Waten durch einen Fluss und dem Segeln auf einem Ozean. Wenn man 60 Leute hinter sich hat, die alle daran arbeiten, einen Song nach vorne zu pushen, erzeugt das eine gewisse Dynamik. Oft bekommt die Musik dadurch etwas Majestätisches. Und doch hoffst du, dass sich die Songs ihre Zerbrechlichkeit bewahren - denn viele meiner Lieder sind ziemlich zerbrechlich. Nun erzeugt das Orchester eine Art Strömung, manchmal muss man eine Welle reiten. So ist es eben, wenn man mit Orchestern arbeitet. Wenn du dagegen mit kleinem Ensemble arbeitest, bist du für vieles selbst verantwortlich. Zum Beispiel sorge ich mit dem Klavier dann selbst für den Rhythmus, man saugt die Dinge dann eher aus der Luft.

teleschau: Sie sagen es - Ihre Lieder sind sehr zerbrechlich. Schafft es der Orchestersound, Ihr Denken oder das Gefühl für die eigenen Songs zu verändern?

Hegarty: Das meinte ich, als ich sagte, man muss die Zerbrechlichkeit, die emotionale Struktur eines Liedes bewahren. Das ist Verhandlungssache mit dem Arrangeur. In jedem Song gibt es Momente, emotionale Triggerpunkte, an denen das Gefühl in die eine oder andere Richtung gehen kann - die muss man erhalten. Und man muss Raum schaffen. Nur weil da 60 Leuten sitzen heißt das noch nicht, dass sie die ganze Zeit alle spielen müssen (lacht).

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teleschau: Glauben Sie, dass die Musik Sie weitere zehn oder 20 Jahre glücklich machen kann? Sie haben früher auch als Schauspieler oder Kunst-Performer auf der Bühne gestanden. Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Kunst in andere Richtungen weiterzuentwickeln?

Hegarty: In Amerika hatte ich gerade meine erste Ausstellung mit Zeichnungen - im Hammer Museum in Los Angeles. Das waren Zeichnungen, an denen ich die letzten vier Jahre gearbeitet habe. Ich fühlte mich noch nie von einem Medium eingeschränkt. Ich bin immer meinen Bedürfnissen und Wünschen gefolgt. Ich denke über solche Fragen nicht nach, ich gehe einfach weiter. Kreativ zu sein, treibt mich an. Dieses Gefühl hat mich bislang durch mein ganzes Leben getragen, und ich bin mir sicher, dass es das auch weiterhin tun wird. Ich liebe das Singen und die Musik - darin bin ich wahrscheinlich am besten. Deshalb werde ich wohl weitermachen.

teleschau: Als Sie mit der Kunst anfingen, taten Sie das mit dem Lebensgefühl eines Außenseiters. Nun wurde die Stimme des Außenseiters sehr populär. Verändert das die Art, wie Sie über Leben und Kunst nachdenken?

Hegarty: Auf den ersten Blick wirkt das alles ja ein bisschen ironisch. Dass ich auf einmal jemand sein soll, der kulturell wertvoll ist, dessen Stimme gehört wird - das war erst mal ein Schock. Auf der anderen Seite denke ich - ja, die Gesellschaft heißt ihre Außenseiter auch willkommen. Zumindest in einem gewissen Kontext. Leute, die ganz weit draußen waren, irgendwo an der Grenze, haben in der Regel eine einzigartige Sicht auf die Dinge. Zumindest finden sie vielleicht etwas, das interessant sein könnte. Wir sind wie Forschungstrupps. Die Gesellschaft schickt uns raus und fragt hinterher, was wir gefunden haben. Oder wie die Erde von ganz weit weg aussieht. Das ist der Job der Künstler, zumindest ein Teil davon. Jene Art von Wissen oder Intelligenz, die wir finden, soll der Gesellschaft dienen: intuitiv, emotional kreativ. Es sind zwar nicht Dinge, die man in anderen Bereichen der Gesellschaft benötigt - in der Kommunikation oder in Entscheidungs- oder Verwaltungsprozessen. Fragen, die in Zeitungen diskutiert werden. Aber: Wir sind ein Reservoir. Künstler bieten eine neue Sicht der Dinge.

teleschau: Wir müssen über Ihre Stimme reden. Ihre Stimme war der Grund dafür, warum die Menschen dieser Musik zuhören. Wie haben Sie Ihre Stimme gefunden?

Hegarty: Ehrlich gesagt war das bei mir kein Finden, sondern eher ein langsames Entwickeln. Mein Gesang entwickelte sich durch die Begeisterung für andere Sänger. Ich imitierte Sänger, die ich bewunderte. Das ist eine sehr britische Herangehensweise. Wir Engländer glauben, dass wir uns den Gesang anderer Kulturen aneignen dürfen, ohne uns darüber allzu viele Gedanken zu machen. Wir haben in dieser Hinsicht eine gewisse Sorglosigkeit, einen unbewussten Größenwahn. Das mag der Grund dafür sein, dass es so viele gute englische Sänger gibt - weil sie mühelos alle Musik der Welt kopieren, die sie interessiert. Zum Beispiel die Ekstase schwarzer Sänger aus Amerika oder Afrika. Leider falle ich auch in diese Kategorie englischer Sänger, die sich legitimiert fühlen, diese Art von Freiheit in der Musik der gesamten Welt zu suchen.

teleschau: Wer waren Ihre Idole und warum?

Hegarty: Viele meiner Gesangidole treten gerade bei einem Festival auf, das ich kuratiere: das "Meltdown"-Festival in London. Glücklicherweise haben viele meiner Lieblingssänger zugesagt, dort aufzutreten. Elisabeth Fraser, die Sängerin der Cocteau Twins. Eine wunderschöne, kreative, gefühlvolle und intuitive Stimme. Sie verfolgt einzigartige Wege durch Melodien und hat einen gewissen ekstatischen Ansatz beim Singen. Dann mag ich viele Sänger, die als revolutionär gelten: Nina Simone, Buffy Sainte-Marie oder Selda, eine türkische Sängerin, die ich in den letzten Jahren viel hörte. Sie ist so etwas wie die Edith Piaf der Türkei, eine Stimme der Menschen. Sie hatte eine Menge Probleme, weil sie sich für die Rechte der einfachen Bevölkerung eingesetzt hat.

teleschau: Sie haben auch mal gesagt, dass Sie von Billie Holiday und Otis Redding beeinflusst sind ... richtig?

Hegarty: Ja, ich liebe Otis Redding. Er ist einer meiner Lieblingssänger. Er war derjenige, der diese Tradition der spirituellen Ekstase in weltliche Songs und Popmusik übersetzt hat.

teleschau: Es scheint, dass sie sich vor allem für die Ekstase im Gesang interessieren, für jenen Moment, wenn aufgestaute Gefühle explosionsartig aus dem Sänger heraustreten - ist es das, was Sie an Sängern interessant finden?

Hegarty: Ich würde nicht sagen, dass es um eine Überladung mit Gefühl geht. Es ist eher eine Frage der Transformation. Ekstase bedeutet, dass etwas heraustritt und frei schwebt. Es entwickelt eine eigene Leuchtkraft, weil es das so will. Ich weiß nicht warum, aber es strahlt. Daraus ergibt sich dann diese Qualität, die wir Ekstase nennen.

teleschau: Ist diese Fähigkeit angeboren, oder kann man lernen, so zu singen?

Hegarty: Ich glaube, jeder hat dieses Potenzial. Es geht darum, ob man Freiheit sucht. Ob man durch seine Ängste, seine Scham hindurchwandern möchte - um eine bessere Freiheit zu finden. Meistens lernen die Leute ja, sich selbst zu beschränken. Sie bekommen keine Gelegenheit, sich selbst auszudrücken. Künstler haben da Glück, es gibt weniger Grenzen, die sie beschränken.

teleschau: Auf Ihren letzten Alben haben Sie viel über die Natur gesungen. Sie sind sehr an Umweltfragen interessiert. Glauben Sie denn noch an das alte Hippie-Ideal, dass man mit Musik die Welt verändern kann? Kann man mit solchen Texten etwas verändern?

Hegarty: Ich weiß nicht, ob es möglich ist, die Welt mit Musik zu verändern. Aber ich glaube daran, dass Frauen die Welt verändern können. Daran, dass ein neues Bewusstsein unter Frauen entsteht. Nur ein Beispiel: Als "Transgender"-Persönlichkeit habe ich vielleicht mehr gemein mit einem "Transgender"-Menschen in Afghanistan als mit einem amerikanischen Soldaten. Wenn Frauen erkennen, dass sie miteinander mehr gemein haben als mit ihren Männern und Söhnen, könnte das eine Veränderung im kollektiven Bewusstsein der Welt hervorrufen. Dann könnten wir uns als Spezies wirklich weiterentwickeln. Das ist, so merkwürdig es sich anhört, meine große Hoffnung für die Zukunft.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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