Up in the Air
Sein Land liegt unter den Wolken

Bingham ist ein Kündigungsexperte, und er liebt seinen Job,
den er recht emotionslos erledigt. Er fliegt quer durch die USA,
um die Drecksarbeit für seine Kunden zu erledigen - er
feuert ihre Mitarbeiter. Ohne schlechtes Gewissen, aber mit einem
Ziel. Bingham will zehn Millionen Meilen sammeln und sich
unsterblich machen. Platinkarte, Treffen mit dem Chefpiloten und
ein nach ihm benanntes Flugzeug gäbe es obendrein. Und mehr
braucht dieser Mann nicht in seinem entwurzelten, einsamen Leben.
"To know me is to fly with me" - um ihn zu kennen, muss
man mit ihm unterwegs sein.
Es ist ein Anti-Held, den Jason Reitman in den Mittelpunkt seines
dritten Films stellt. Mit diesen Figuren kennt er sich aus: In
"Thank You For Smoking" begleitete er einen
Tabaklobbyisten bei der Arbeit, in "Juno" eine
rotzfreche schwangere Teenagerin, die Adoptiveltern für ihr
ungeborenes Baby suchte. Wie diese Protagonisten ist auch Ryan
Bingham trotz seiner Fehler und Macken nicht unsympathisch, trotz
seiner selbst gewählten Existenz als lächelnder
Kotzbrocken, für den Familie zu haben, lästige
Telefonate führen bedeutet.
Es ist ganz wunderbar, wie sarkastisch und unterhaltsam Reitman
diesen Bingham begleitet. Mit fantastischem Auge für
menschliche Schwächen, mit feinem Gespür für den
manchmal bitteren Witz des Lebens. Und mit sensiblem
Verständnis für die Welt, in der einer wie Bingham lebt
und seine Philosophie in Vorträgen über Rucksäcke
verbreitet: "Schleppen Sie nichts mit sich rum. Keine Dinge,
keine Erinnerungen, keine Beziehungen." Das hält am
Check-in nur auf.
Das wäre unverzeihlich: Schnell, effizient, global muss die
Welt heute sein. Und unpersönlich: Daran hat Bingham seinen
Anteil. Es ist schier unfassbar wie ungerührt er seinen Job
erledigt. Vor ihm toben, betteln, flehen die Wegrationalisierten.
Und bekommen von ihm eine Broschüre mit sachlichen
Hinweisen. Einer nach dem anderen. "This land is your
land" - es bietet jede Menge neue Optionen. Für jeden,
der will. Was als Komödie beginnt, entwickelt sich,
unmerklich zunächst, zu einem hintersinnigen Melodram
über das (Un-)Wesen der modernen Zeit - eine bittere Pille,
von Jason Reitman und dem fantastisch spielenden George Clooney
in zart schmelzende Schokolade eingehüllt.
Äußerlich unnahbar ist Bingham aber auch und vor allem
ein Suchender: Er findet zwei Frauen, die sein bindungsscheues
und entwurzeltes Leben auf den Kopf stellen. In die eine verliebt
er sich, die andere will ihm das Fliegen verbieten. In einer
herrlich absurden Szene lässt Reitman den
Kündigungsguru und die Rationalisierungsexpertin Alex (Vera
Farmiga) in einer Flughafenbar aufeinander los: Ihr Vorspiel
besteht aus einer endlosen Diskussion über die Vorteile von
Autovermietungen, sie machen sich heiß, in dem sie sich
Gold-, Executive- und Preferredcards unter die Nase halten. Sie
sind Seelenverwandte, so scheint es, und Bingham synchronisiert
allzu gerne sein Blackberry mit ihrem - für weitere
unverbindliche Treffen in Las Vegas, Miami oder Atlanta. Er
erlaubt sich sogar Sentimentalität, fährt mit Alex als
Date zur Hochzeit seiner Schwester. Ein Mann, der versucht,
über seinen Schatten zu springen.
Doch mehr noch als die Begegnung mit Alex bringt ihn die forsche
Natalie (Anna Kendrick) durcheinander. Das Püppchen ist
Mitte 20, frisch von der Uni und hat eine gefährliche Idee:
Sie will Kosten sparen in Binghams Firma. Er soll nicht mehr als
Hiobsbote durchs Land fliegen, sondern die Leute per Videochat
feuern. Sein ohnehin perverser Job wird noch einmal pervertiert:
Kommunikation immer und überall als Credo unserer Zeit. Egal
wie unpersönlich, egal wie entmenschlicht - im Kleinen wie
im Großen. Eine grandiose Reflexion, die Reitman in sein
Golden Globe-prämiertes Drehbuch einbaute, und die der
eigentliche Mittelpunkt seines bislang besten, weil reifsten
Films ist. Was macht die moderne Zeit mit den Menschen, die in
ihr leben? Was macht der technische Fortschritt aus seinen
Entwicklern? Reitman ist weit davon entfernt, drohend den
Zeigefinger zu heben. Er lässt einfach Beziehungen per SMS
beenden. Das ist schließlich ganz normal. - "This land
is your land", nein "This world is your world".
Bingham wehrt sich gegen die Rationalisierungsvorschläge
Natalies. Aus profanen Gründen: Seine Statussymbole sind in
Gefahr, sein Meilenkonto würde nicht mehr wachsen. Aber das
sagt er ihr nicht. Sondern schiebt die menschliche Komponente
seines Jobs vor. Er nimmt sie mit auf Dienstreise, sie soll den
Job von der Pike auf lernen: Wie Vater und Tochter fliegen sie
los, beide widerspenstig und mit unterschiedlichen Vorstellungen.
Sie werden lernen - aber nicht, was sie erwartet haben.



















