«Bon Voyage...»: Ein Roadtrip zum Abschied
Veröffentlicht: Donnerstag, 01.01.2026 06:00

Neu im Kino
Paris (dpa) - Marie ist 80, krank - und entschlossen. Die schwere Krankheit, die sie bereits einmal überwunden glaubte, ist zurückgekehrt. Für sie steht fest: Sie will selbst bestimmen, wann und wie ihr Leben endet. Der Termin für die Sterbehilfe in der Schweiz ist bereits vereinbart. Was ihr jedoch fehlt, ist der Mut, diese Entscheidung ihrer Familie mitzuteilen. Also greift Marie zu einer Notlüge - und setzt damit eine Reise in Gang, die vieles verändern wird.
«Bon Voyage - Bis hierher und noch weiter» (im Original «On ira»; seit 1.1. nun in deutschen Kinos) legt Enya Baroux ihren ersten Langfilm vor - inspiriert von der Geschichte ihrer Großmutter. Entstanden ist eine zärtliche, humorvolle und zugleich bewegende Tragikomödie, die als Roadtrip grundlegende Fragen nach Familie und dem Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende behandelt.
Notlüge im Gepäck
Unter dem Vorwand eines geheimnisvollen Erbes, das in der Schweiz auf sie warten soll, versammelt Marie ihren Sohn Bruno, einen liebenswert verantwortungslosen Träumer mit chronischen Geldproblemen, und ihre pubertierende Enkelin Anna.
Zur Reisegesellschaft gehört auch Rudy, ein junger Pflegehelfer, der eher zufällig - und gegen seinen Willen - dazustößt. Marie hat ihn gewissermaßen in die Rolle des Begleiters gedrängt: Wegen einiger ethischer Verfehlungen steht er in Konflikt mit seinem Arbeitgeber, und Rudy bleibt kaum eine andere Wahl, als sie zu begleiten. Im Gegenzug bittet er Marie, ihre Entscheidung ihrem Sohn und ihrer Enkelin mitzuteilen.
So macht sich die kleine Truppe mit Rudy und seiner Hausratte im alten Familien-Wohnmobil auf eine sehr langsame Reise Richtung Schweiz - mit einer großen Lüge im Gepäck.
Nähe, Abschied und Selbstbestimmung
Während ihrer Fahrt durch Frankreich beginnt eine vorsichtige Annäherung. Die Reisenden improvisieren, halten an, verlieren Zeit. Marie tut Dinge, die sie längst vergessen hatte: im Meer baden, zu bekannten Liedern singen, abends lange am Lagerfeuer sitzen. Sie genießt diese geschenkte Zeit, und ganz nebenbei findet die Familie wieder zueinander.
Besonders berührend sind die Begegnungen unterwegs - Menschen, die nur kurz in das Leben der Reisenden treten und dennoch neue Perspektiven auf Abschied, Erinnerung und Trauer eröffnen.
Doch das eigentliche Ziel der Fahrt rückt unaufhaltsam näher, und Marie muss sich ihrer Entscheidung stellen.
Weder Märtyrerin noch Heldin
Marie, grandios verkörpert von Hélène Vincent («Das Leben ist ein Fest», «Alles außer gewöhnlich»), ist weder Märtyrerin noch Heldin, sondern eine würdevolle, lebenslustige Frau. David Ayala («Mit Liebe und Chansons») verleiht ihrem Sohn Bruno eine tragikomische Mischung aus Naivität und Verlorenheit, während Pierre Lottin («Die leisen und die großen Töne») als Pflegehelfer Rudy mit leiser Herzlichkeit überzeugt - als Außenseiter, der unverhofft Anschluss findet.
Baroux gelingt eine Komödie, die nie leichtfertig ist, und ein Drama, das ohne Pathos auskommt. Mit feinem Humor und spritzigen Dialogen nähert sie sich einem der schwierigsten Themen überhaupt: dem Abschied vom Leben. «Bon Voyage - Bis hierher und noch weiter» erzählt am Ende nicht vom Sterben, sondern von Liebe, Loslassen und der Nähe von Lachen und Weinen. Der Film ist leichtfüßig und zugleich tief berührend - ein Werk, das lange nachwirkt.


